the divorcée diaries

Einfach nur schlafen...

Diese Nacht würde sie nichts mehr fühlen. Es würde nicht mehr lange dauern. Vor einer Stunde hatte sie zwei genommen und so langsam stellte sich der Schleier in ihrem Kopf ein. Sie mochte das Gefühl, wie sich ihre Sinne langsam benebelten, die Finger taub wurden, die Beine sich wie Gummi anfühlten. Es war fast so, als könne sie sich in der Mitte zusammen klappen und in die Ecke stellen, alles fühlte sich so weich und biegsam an.

Sie nahm sie immer kurz bevor sie ins Bett ging, das hatte ihr der Arzt so verordnet. Nachdem sie sie einmal bereits um 18:00 genommen hatte, und dann ab 19:00 nichts mehr ging, weil alles vor ihren Augen verschwam, war sie nun vorsichtiger geworden.

Jetzt nahm sie sie nur noch, wenn sie gleich schlafen gehen würde oder wusste, dass für den Abend nichts mehr anstand. Denn einmal war sie unterwegs gewesen, als sie zu wirken anfingen und sie musste sich sehr stark konzentrieren, überhaupt noch den Weg nach Hause zu finden. Leute, die ihr entgegen kamen, guckten sie fragend an. Ein kleines Mädchen sprach sie an und fragte, ob sie Kopfschmerzen habe, sie gucke nämlich so gequält. Es war leicht, das zu bestätigen, auch wenn es mehr eine wohlige Leere als ein pulsierender Schmerz war, den sie empfand. Sie war froh, als sie an dem besagten Abend endlich den Schlüssel ins Schloss stecken konnte, dass sie es überhaupt die Treppen bis zu ihrer Wohnung hinauf geschafft hatte. Kaum auf dem Bett, schloss sie auch schon die Augen und gab' sich der Schwere, dem Taubheitsgefühl und der Gedankenlosigkeit hin und schlief bis zum frühen Morgen.

Das liebte sie am meisten, dass das Gehirn abgeschaltet zu sein schien. Nichts schwirrte mehr in ihrem Kopf umher, keine Gedanken oder Probleme waren zu wälzen; alles, was sie jetzt zu tun hatte, war zu schlafen und zu vergessen.
Dafür hat er sie ihr verschrieben, zum schlafen und zum vergessen. "Damit ihre Gedanken sie nicht verrückt machen!", hatte er es genannt und wie dankbar hatte sie sie entgegen genommen.

Heute war kein guter Tag gewesen. Sie hatte ihn wieder gesehen, er sie aber zum Glück nicht. Was fuhr sie auch immer in die Stadt, sie wusste doch, dass er da arbeitete! Aber manchmal musste sie ihn einfach sehen, seine Nähe spüren, wissen, dass sie sich im gleichen Stadtteil aufhielten. Allein zu wissen, dass er über den gleichen Platz laufen musste, um zum Mittag zu gehen, war ein schöner Gedanke. Ob sie sich einfach mal auf dem Gang vor seinem Büro rumtreiben sollte? Sie könnte ja sagen, sie sei zufällig da, doch wer würde ihr das schon abnehmen? Niemand verirrte sich in den fünften Stock eines Bürogebäudes...

Doch das war jetzt egal. Ihre Finger verkrampften sich um die Bettdecke, war es um Halt zu suchen, oder weil sie schon längst nicht mehr ihrer Kontrolle unterlagen? Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre er in Watte gehüllt. Egal, acht wohlige Stunden an nichts denken, keinen Schmerz fühlen, schlafen können..., endlich wieder schlafen können.

Wenn sie alle davon nähme, würde sie dann nie wieder Schmerzen, Trauer, Frust und Enttäuschung empfinden? Was für ein blöder Gedanke! Er war es nicht wert..., aber wenigstens diese Nacht wollte sie noch einmal schlafen können und an nichts mehr denken, ganz besonders nicht an ihn.

3.9.06 11:26

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